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Bildende Kunst

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Jerzy Panek: Selbstporträt mit weißem Hut III., 1960, Holzschnitt, 64 x 49 cm

Ein spezifisches Merkmal der polnischen Kultur ist die besondere Verknüpfung metaphysischer Nachforschung mit der historischen Erfahrung. Dies betrifft auch die bildende Kunst. Während der Dreiteilung ist es den Polen nur dank ihrer Religion und Kultur gelungen, ihre Identität zu bewahren. In einem Land ohne eigene Souveränität oblagen der Kunst und der Dichtung besondere Aufgaben: die nationale Erinnerung und die nationale Identität aufrecht zu erhalten. Die polnische Malerei des 19. Jahrhunderts stand unter dem großen Einfluss der Dichtung der Romantik. Matejko, Grottger und später Malczewski und Wyspianski sind Schöpfer der ideellen Symbolik, an die neue Generationen immer wieder anknüpfen.

Die gesellschaftliche Rolle der Kunst war für die polnischen Künstler eine Herausforderung und eine Belastung zugleich. Das für die polnische Kultur zentrale Problem der Freiheit bedeutete zugleich einen Kampf um künstlerische Souveränität und um Autonomie der Kunst. Der Wiederaufbau des polnischen Staates nach 1918 lief mit der Suche nach dem "polnischen Weg zur Selbständigkeit in der Kunst" zusammen. Die Kunst musste nicht mehr die Rolle der Schatztruhe der nationalen Erinnerung spielen, so begann sie sich nach internationalen Mustern umzusehen, in denen sie dann lokale Inhalte verarbeitete. So erging es zwischen den beiden Weltkriegen den Gruppen der "Polnischen Formisten" und "Rhythmus", deren Schaffen eine Synthese des Kubismus, Fauvismus, Jonismus, Expressionismus und der heimischen Volkskunst war. Dieser Stil bewährte sich insbesondere in der Gebrauchskunst und in der Architektur. Der Erfolg des Handwerks und des Plakats, die Popularität des Zakopaner Stils und der Landhausarchitektur bildeten den polnischen Beitrag zur internationalen, eleganten Konvention art déco.

Eine wichtige Strömung war damals der Konstruktivismus: eine polnische Abwandlung der Avantgarde. Die in den Gruppen "Blok", "Praesens" und "a.r." vereinten Künstler verbanden den Glauben an Fortschritt und an Vernunft mit dem Experimentierdrang. Sie wollten Ordnung, Disziplin und Funktionalismus in die visuelle Landschaft des Landes einführen. Neue Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft ging auch die Gruppe der Koloristen ein. Die Maler vom "Pariser Kommitee" wollten den Geschmack der Polen ändern. In Anknüpfung an den französischen Impressionismus kämpften sie um bessere Qualität und um Unabhängigkeit der Malerei. Nach dem 2. Weltkrieg beherrschten sie die kunstwissenschaftlichen Curricula und die ästhetische Doktrin des Kolorismus erwies sich als eine der einflussreichsten und beständigsten.

Um sich in die Mentalität der Polen versetzen zu können, muss man sich ihre Erlebnisse während des 2. Weltkrieges vor Augen führen. Das Okkupationstrauma, die Erlebnisse in den Vernichtungslagern, Zwangsarbeit, Exekutionen und die ganze Tragödie des Holocaust, spiegeln sich bis heute in der polnischen Kunst, Literatur und Film wider. Sie sind ein immerwährender Bezugspunkt, ein ewiges Memento. Die ersten Nachkriegsjahre, bevor der sozialistische Realismus dekretiert wurde, gehören zu den interessantesten polnischen Kunstperioden. Das künstlerische Antlitz dieser Jahre bestimmten die Kreise der "Krakauer Gruppe", die aus Künstlern bestand, die dem Okkupationstheater von Tadeusz Kantor entstammten. Sein Vorsatz "unter allen Umständen souverän zu sein", war das Prinzip der Geschichte der Nachkriegskunst. Das Schaffen der "Krakauer Gruppe" ist eine Kunst der "angepassten Avantgarde", die das Begehren nach Neuem mit der Traditionstreue verknüpft. Räumliche Nachforschungen und lyrische Metaphern an der Grenze zum Abstrakten führten dazu, dass die polnische Abwandlung des Surrealismus als "Metapher-Malerei" bezeichnet wurde.

In der stalinistischen Epoche war die Kunst benutz- und manipulierbar. Das politische "Tauwetter" Ende der 50er Jahre löste eine Faszination für art informel und für die "Malerei der Materie" aus. Die besten Beispiele für die letztere sind die originellen Werke der "Gruppe aus Nowa Huta" und die Malerei von Jan Lebenstein, der 1959 eine Entdeckung der Biennale in Paris war. Seit den 60er Jahren hat sich die polnische Kunst trotz politischer Einengungen und Zensur parallel zur europäischen entfaltet, indem sie auch alle Entwicklungsetappen durchmachte: neue Figuration, Konzeptualismus, Happening und Minimal Art. Für den Kontakt mit dem "Impuls des Modernen" sorgten unabhängige Galerien und Künstler der Avantgarde. Im kulturellen Leben Volkspolens kam es jedoch immer wieder zu Spannungen zwischen den Künstlern und den Machthabern. Ein Wendepunkt war das Jahr 1981 - Niederschlagung der ersten "Solidarnosc" und Einführung des Kriegszustands.

Die Kunst der 80er Jahre - der Zeit "des Krieges zwischen dem Staat und dem Volk" - hatte sowohl eine seriöse Version: die an den Kirchen existierende Bewegung der Unabhängigen Kultur, die Rückkehr zu nationalen und religiösen Symbolen der "großen Narrativik" und eine Buffo-Version: die Malerei der "wilden" Expression (Warschauer "Gruppa"), die happeningähnliche Bewegung der "Orangenfarbenen Alternative" in Wroclaw, die Underground-Bewegung um die Galerie "Strych" in Lódz und die anarchisch-dadaistische Gruppe "Lódz Kaliska".

Nach der Wiedererlangung der Souveränität war die polnische Kultur kein Bollwerk mehr. Neue Zeiten bringen neue Bedrohungen mit sich, neue "heiße" Themen. Die Jahrhundertwende brachte eine Welle der "kritischen Kunst" mit sich, die die neuen Medien für die Diskussion um die Probleme der Religion, der Sexualität oder der Intoleranz benutzen.

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Jan Matejko: Preußische Huldigung, 1882; 388 x 785 cm, Öl auf Leinen, Königsschloss Wawel, Krakau

"Die Kunst ist gewissermaßen eine Waffe, die Trennung der Kunst von der Heimatliebe ist unzulässig!" - so Jan Matejko (1838-1893), der bekannteste polnische Autor historischer Gemälde im 19.Jh. Der ein Jahr vor Paul Cézanne geborene Maler war ein klassischer Akademiker, trotzdem hat seine Kunst die Denkweise vieler Generationen der Polen geprägt. Die großen, übervölkerten Gemälde Matejkos illustrieren die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse der polnischen Nation, ihre Höhen und Tiefen. Als Polen von der Landkarte Europas verschwand, rief Matejko zur Abrechnung mit dem eigenen Gewissen auf, indem er mit seinen Bildern sowohl an große Augenblicke, als auch an nationale Sünden erinnerte. In Polen sind seine Werke immer noch aktuell und emotionsauslösend und die Polen sehen die Geschichte ihres Landes mit den Augen Matejkos.

Die Ausstattung der Krakauer Franziskanerkirche gehört europaweit zu den schönsten Beispielen der Dekorationskunst der Moderne. Ihr Schöpfer, Stanislaw Wyspianski (1869-1907), Schüler von Jan Matejko, war die größte Individualität des sog. Jungen Polens -der Kunst der Jahrhundertwende, dessen Werke zu Beginn der neuen Epoche in der polnischen Kunst entstanden. In seiner Vielseitigkeit stand er den Meistern der Renaissance nicht nach. Er revolutionierte die Dramaturgie, modernisierte die Gebrauchskunst und war innovativ in der Malerei. Sein Stil entstand aus der Verknüpfung der intensiven Naturbetrachtung mit der Ästhetik der Sezession und der Folklore. Mit Pinsel und Feder kämpfte er um die polnische Seele, er wollte sie aus ihrer Apathie und Trägheit lösen. An seine prophetische Kunst knüpften später solche Visionäre, wie Tadeusz Kantor und Andrzej Wajda an.

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Jacek Malczewski: Frühling - Landschaft mit Tobias, 1904; 76 x 97 cm, Nationalmuseum, Poznan

Jacek Malczewski (1854-1929) ist das enfant terrible des polnischen Symbolismus. Der Schüler Matejkos führte in seine Gemälde Volksmärchen, griechische Mythen und die Verwirrung der Neige des Jahrhunderts ein. Die Kunst Malczewskis ist ein Zündsatz, sie verknüpft die Erotik mit dem Mystizismus, die Folklore mit der Antike, brutale Sinnlichkeit und unerträgliches Pathos mit ironischer Verspottung. Malczewski war auch ein exzellenter Vertreter der "Polnischen Landschaftsschule".

Im 19. Jh. brach in Polen die Diskussion über das "Berechtigungsdasein der polnischen Nationalkunst" aus. Während des Übergangs von der Romantik zur Modernität war der Kampf der Positivisten um die Autonomie der Malerei und um die Annäherung der Kunst und Wirklichkeit bahnbrechend. Im Kampf um neue Ästhetik engagierte sich auch der hervorragende Kunstkritiker Stanislaw Witkiewicz (1851-1915), der die theoretischen Grundlagen des neuen nationalen Stils erarbeitete. Er begründete den auf der Volkskunst des Tatravorlandes basierenden Zakopaner Stil. Die Villen in Zakopane sind mit ihrer Ausstattung und mit ihren charakteristischen Verzierungen ein originelles regionales Beispiel der Auffrischung der Gebrauchskunst, die um die Jahrhundertwende in ganz Europa triumphierte.

Die interessantesten Museen Poleus entstanden in der Industriestadt Lódz, um den Kreis der polnischen Konstruktivisten. Bereits in den 20er Jahren des 20.Jh. begannen Wladyslaw Strzeminski (1893-1952) und seine Mitstreiter aus der avantgardistischen Gruppe "a.r.", begannen, Werke der Avantgarde aus der ganzen Welt zu sammeln. Im Februar 1931 wurde in Lódz eine Galerie für Moderne Kunst eingerichtet, die zu den weltweit ersten ständigen Ausstellungen der Kunst der Avantgarde zählt. Aus dieser Kollektion entwickelte sich das heutige Kunstmuseum in Lódz, in dem Werke von über 1500 Künstlern zu sehen sind.

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Katarzyna Kobro: Räumliche Komposition 4, 1929; bemalter Stahl, 40 x 64 x 40 cm, Kunstmuseum, Lódz

In den 20er Jahren des 20. Jh. erlebte die Avantgarde in Polen, ähnlich wie überall in Europa, einen großen Erfolg. Bekannteste Vertreterin des polnischen Konstruktivismus ist die Bildhauerin Katarzyna Kobro (1898-1951). Der künstlerische Werdegang Kobros war eine Pionierleistung. Abstrakte Konstruktionen aus Holz, Glas und Metall stellen eine originelle Konzeption der Skulptur dar - sie ist nicht mehr eine kompakte Form, sondern eine Analyse des Raumes und der "zeitlich - räumlichen Rhythmen".

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Stanislaw Ignacy Witkiewicz: Mehrfaches Porträt, ca. 1916; Fotografie, Privateigentum

Zu den interessantesten Persönlichkeiten der polnischen Kultur des 20.Jh. gehören vielseitig interessierte Künstler. Als klassisches Beispiel hierfür gilt Witkacy - S.I. Witkiewicz (1885-1939), ein hervorragender Dramenschreiber, Philosoph, Kunsttheoretiker, Maler und Kunstfotograf. Der Schöpfer der Theorie der "reinen Form" wollte in seinen Gemälden die Metaphysik und das "Geheimnis der Existenz" ausdrücken und malte phantastische surrealistisch-expressive Kompositionen. Er hinterließ eine faszinierende Porträtgalerie, die er auf Bestellung, im Rahmen der sog. Porträtfirma anfertigte. In seiner Hinterlassenschaft ist jedoch seine innovative und experimentelle Fotografie am bedeutendsten. Witkacy verbreitete eine katastrophale Vision des nahenden Untergangs der westlichen Zivilisation. Im September 1939, als er erfuhr, dass die Rote Armee nach Polen einmarschiert ist, wählte er den Freitod.

In den 50er Jahren wollten die Kommunisten die Kunst zum Werkzeug der Propaganda machen. Einigen Künstlern gelang es, ihr künstlerisches Können mit dem Engagement für die Probleme ihrer Epoche zu vereinbaren. Der tragisch in die Politik verwickelte Andrzej Wróblewski (1927-1957) hinterließ mit seinen Gemälden das wertvollste Belegmaterial der damaligen Zeit. Wróblewski war ein Künstler, der eine Botschaft übermitteln wollte. Er glaubte, dass die Kunst imstande ist, die Welt zu verbessern, wenn sie das Böse vom Guten zu unterscheiden vermag. Er ist bis heute eine Kultpersönlichkeit geblieben

Eine der ältesten Traditionen ist in der polnischen Malerei der Kolorismus - die polnische Abwandlung des Postimpressionismus. Die im "Pariser Komitee" verbündeten Künstler pilgerten an die Seine, um nach Inspirationen Ausschau zu halten. Nach ihrer Rückkehr verkündeten sie die "gute Malerei". Am wichtigsten war für sie die Harmonie und die Klangfülle der Farben, die Schönheit der Bilder, die schillernden Stoffen ähnelten. Auch die nächsten Generationen der Koloristen beherrschten die polnischen Kunstakademien und begründeten die polnische Schule des Kolorismus, für den die Sensibilität bei der Farbgebung und die dekorative Eleganz der Gemälde am wichtigsten war.

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Henryk Stazewski: Farbiges Relief IX, 1961; 47 x 61 cm, Acryl, Hartfaserplatte, Galerie Starmach, Krakau

In der Geschichte der polnischen Avantgarde gibt es viele legendäre Persönlichkeiten. Henryk Stazewski (1894-1988) galt noch Zeit seines Lebens als "Klassiker der Modernität". Er gehörte zu den Wegbereitern der geometrischen Abstraktion, war Mitglied avantgardistischer Vereine, wie: BLOK, "Praesens", "a.r." und der Gruppen "Cercle et Carré" und "Abstraction-Création". Er arbeitete eng mit der berühmten Pariser Galerie von Denise René zusammen. Bis zum Schluss blieb er der Geometrie treu - er erweiterte permanent ihre Sprache mit neuen Themen in den Bereichen des Raums, der Farbe, der Bewegung. Die klassische Abstraktion bereicherte er mit Beschwingtheit und Anmut.

In der Kultur eines jeden Volkes gibt es Menschen, die als Symbole gelten. Eine solche Gestalt ist für das heutige Polen Józef Czapski (1896-1993), eine moralische Autorität und ein Augenzeuge des 20.Jh. Seine Biographie gehört zu den bewegendsten polnischen Lebensgeschichten. Er war ein vielseitig gebildeter Aristokrat, Kriegsteilnehmer, Lagerhäftling, leidenschaftlicher Patriot und Katholik, Schriftsteller, Gelehrter und Maler und einer der wenigen polnischen Offiziere, die nicht in Katyn umgebracht wurden. Seine Bücher über die Verbrechen der Sowjets machten ihm jedoch die Rückkehr in die Heimat unmöglich. Seine nostalgischen, verblüffend gekaderten Bilder, "Momentaufnahmen" des Geschehens auf Strassen, in Cafés, in der Metro von Paris, bestechen durch ihre Frische an Wahrnehmung und durch mutige Farbenzusammensetzung - sie verbinden das Erbe des Kolorismus mit der gründlichen Beobachtung der Einsamkeit des Menschen.

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Eugeniusz Mucha: Echos. Gewidmet Jedrzej Wowro, 1999; Öl auf Leinen, Rahmen: Autor selbst, 82 x 34 cm, Privateigentum

Die Volkskunst ist heute nicht nur für Ethnographen und Traditionsforscher von Interesse. Aus dem Reichtum der Volkskunst schöpfen auch professionelle Maler, indem sie ethnische und heimische Motive verarbeiten. Eugeniusz Mucha (1927), Autor von Kirchengemälden, verarbeitet religiöse Themen auf eine mutige, untypische Weise. In der Malerei Muchas spiegelt sich das polnische Dorf , mit der Fülle der dafür typischen Merkmale wider.

Seit dem Kubismus ist die naive Kunst eine wichtige Inspirationsquelle für viele Künstler. In ihrer Ehrlichkeit und Schroffheit suchen die Menschen nach echter Betroffenheit, Leidenschaft und Natürlichkeit, also nach dem, was den auf Eleganz und Avantgarde ausgerichteten Akademikern verloren gegangen ist. Der berühmteste polnische autodidaktische Maler, der mit dem Zöllner Rousseau verglichen wird, ist Nikifor (1895-1968), eigentlich Epifan Drowniak - ein talentierter Vagabund aus Krynica im Beskid Sadecki. In seinen Aquarellen widerspiegelte er die Schönheit des Karpatenvorlandes: einsame Bahnhöfe, zwischen den Feldern gelegene Dörfer, aber auch phantastische Architektur selbsterdachter, imaginärer Städte. Nikifor war mit der reichen griechischen und katholischen Liturgie verbunden. Der Einfluss der Ikonostasen der griechisch-orthodoxen Kirche ist in der sensiblen Farbgebung und in der originellen, rhythmischen Komposition seiner Bilder zu erkennen.

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Magdalena Abakanowicz: Die Unerkennbaren, 2001-2002; Eisen, 112 x (210 x 70 x 95 cm), Poznan

Mit dem Namen Magdalena Abakanowicz beginnen fast alle internationalen Kunstlexika. Die Werke dieser weltbekanntesten polnischen Bildhauerin (1930) befinden sich sowohl in großen Museen als auch im Freien. Ihre besonderen Verdienste liegen auch in der Webkunst, die früher ausschließlich im Gewerbe und in der dekorativen Gebrauchskunst angewandt wurde. Grob gewebte, füllige und räumliche "Abakans" erhielten 1965 den Grand Prix der Biennale in Sao Paulo. Mit der Zeit wandte sich Abakanowicz Skulpturen, Freiraumarrangements und architektonischen Entwürfen zu. Ihre menschenerfüllten Massen, Rücken, Herden und Scharen aus harzgetränktem Leinen, aus Holz, Stein und Bronze sind eine erschütternde Metapher für die menschliche Kondition in der heutigen Welt, für die Massenpsychologie, Wehrlosigkeit des Individuums und für das menschliche Dasein, dass sich zwischen Angst und Tapferkeit bewegt.

Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre haben die polnischen Künstler auch mit der "Malerei der Materie" experimentiert, indem sie in die Bilder unkonventionelle Strukturen einfügten: Schotter, Sand und Schrott. Jonasz Stern (1904-1988), Jude und Pole zugleich, interpretierte den Strukturalismus auf seine eigene Weise, indem er organische Überreste benutzte: präparierte Knochen, Fischhaut, Gräten, getrocknete Pflanzen. Monochromatische Tafeln aus bemalten Tierknochen schließen sich zu hebräischen Grabtafeln zusammen, zu einem symbolischen Epitaph des erwählten Volkes, zu einer Erinnerung an jene, von denen es weder Gebeine noch Gräber gibt.

Es gibt im Ausland viele polnische Künstler, die unsere Traditionen in die kulturelle Landschaft Europas eingeschrieben haben. Großen Erfolg erreichte der Grafiker und Vertreter der "Polnischen Plakatschule" Roman Cieslewicz (1930-1996), der seit 1963 in Paris lebte. Der in Polen ausgebildete Illustrator und Typograph war künstlerischer Leiter der Zeitschriften "Elle", "Vogue", "Opus International" und Mitarbeiter des Pariser Centre Georges Pompidou, wo er Plakate und Kataloge entwarf. In seinen Arbeiten bediente sich Cieslewicz der Kollage und des Zitats, er verwendete Spiegelbilder und vergrößerte die Rasterung der Fotografie. Seine farbigen, ins Surrealistische hineingleitenden Fotomontagen, für die er Reproduktionen alter Meister nutzte, waren absolut meisterhaft.

Eines der Hauptmotive der Gegenwartskunst ist der menschliche Körper - seine Verletzbarkeit und Vergänglichkeit. Alina Szapocznikow (1926-1973) gehörte zu den ersten europäischen Künstlerinnen, die die Körperlichkeit ohne Hemmungen zeigten. Sie liebte technische Experimente: Zement, Eisenspäne, bunte Steine und Harz. Die französischen Kritiker zählten sie zur Strömung des Neuen Realismus, obwohl sich ihre Kunst durch Emotionalität und existen zielle Thematik auszeichnete. Ihre Werke sind voller Tragik und Verzweiflung, wozu sicherlich die Kriegserinnerungen und ihre tödliche Erkrankung beigetragen haben. Am beeindruckendsten sind ihre Arbeiten aus Polyester.

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Jerzy Nowosielski: Schwarzer Halbakt, 1971; Öl auf Leinen, 99 x 79,5 cm, Nationalmuseum, Wroclaw

Der hervorragende Maler und griechisch-orthodoxe Theologe Jerzy Nowosielski (1923), Autor von Polychromien in katholischen und griechisch-orthodoxen Kirchen verstand es, das Erbe des Byzantinischen Reiches auch in der weltlichen Malerei zu nutzen. Er malte Landschaften, Akte und abstrakte Bilder. Sein einzigartiger Stil entstand durch die Verschmelzung der Traditionen des Westens und des Ostens: der Avantgarde und byzantinischer Kunst. Dem Surrealismus entlehnte Nowosielski die Atmosphäre der Zweideutigkeit und des Geheimnisses. Der Ikone - die hierarchische Anordnung, die scharfen Konturen und die tiefe Symbolik des Lichts und der Farbe. Die künstlerische Übertragung ist bei ihm keine Reduktion, sondern Konzentration und maximale Verdichtung der Realität. w

Das Plakat war in Volkspolen eine der Inseln schöpferischer Freiheit. Das Phänomen der "Polnischen Plakatschule" bestand darin, dass es im sozialistischen Realismus keine Werbeplakate gab. Geworben wurde für geistige und kulturelle Werte. In den Theater-, Zirkus- und Filmplakaten wurde die avantgardistische Tradition der Fotomontage und dekorative Malerei angewandt. 1968 entstand in Wilanów bei Warschau das erste Plakatmuseum der Welt. Seit 1966 findet in Warschau die Internationale Plakat-Biennale statt. Ein bedeutender Vertreter der "Polnischen Plakatschule" ist Jan Mlodozeniec mit seiner unverkennbaren Handschrift: ein dicker, scheinbar unbeholfener, jedoch entschieden gezeichneter Strich, lebhafte Farbpalette, kindliche Stilgebung und Sinn für Humor.

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Wladyslaw Hasior: Golgatha III, 1972; Assamblage, 93 x 35 cm, Nationalmuseum, Wrocla

Die internationale Pop-Art ließ unter schiedliche Konventionen und Techniken aufeinander stoßen und schöpfte mit vollen Händen aus der Massenkultur. In Polen schuf Wladyslaw Hasior (1928-2000), Mitglied der Vereinigung Phases, Autor poetischer Assamblagen, Denkmäler und monumentaler Skulpturen, eine originelle, heimische Version der Pop-Art. Seine metaphorischen Kompositionen knüpfen an liturgische Formen an, travestieren Heiligenbilder, Epitaphe und Altäre. Die Kunst Hasiors, die seine Faszination für Kitsch verrät, findet auch im Ausland Gefallen - anerkannt wird die darin verbor gene malerische und exotische Poetik der polnischen Provinz. Selbst André Malraux war von der Kunst Hasiors fasziniert (Sources et recherches, 1969, Paris).

Zu den wichtigsten Events zählt die seit 1966 zyklisch stattfindende Internationale Grafik-Triennale. Es ist kein Zufall, das Krakau zum Veranstaltungsort dieser Biennale gewählt wurde. Die Tradition der künstlerschen Grafik ist hier seit der Moderne verwurzelt. Die weltbekannte "Krakauer Grafikschule" ist in der polnischen Gegenwartskunst einzigartig. Die Achtung vor edlen Techniken, ungewöhnlicher werkstattlicher Sorgfalt und stimmungsvoller Sprache der Metapher verbindet manchmal Unterschiedliches: symbolische Konstruktionen, Ruinen und Babeltürme in Kupferstichen von Krzysztof Skórczewski (1947), visionäre und geheimnisvolle Architektur der düsteren Aquatinten von Tadeusz Jackowski (1936), poetische und erotische Landschaften von Andrzej Pietsch (1932), groteske und radikale Porträts in den Holzschnitten von Jerzy Panek (1918-2001), die menschliche Komödie in den überfüllten Szenen der Kupferstiche von Jacek Gaj (1938). Eine der interessantesten Vertreterinnen der "Krakauer Grafikschule" ist heute Anna Sobol-Wejman (1946), Grand Prix-Laureatin der Internationalen Grafik-Biennale 1995 in Györ (Ungarn). Ihre rhythmisch geordneten, aus mehreren Segmenten bestehenden Arbeiten bilden eine Art Bildschrift und einen diskreten, mit Humor bedachten Kommentar zum Leben und zur Wirklichkeit.

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Miroslaw Balka: Erinnerung an die erste Kommunion, 1985; Kunstmuseum, Lódz

Der Bildhauer Miroslaw Balka (1958), repräsentiert Polen sehr häufig bei internationalen Kunstereignissen, u.a.: Documenta in Kassel (1992), Biennale in Venedig (1993), Einzelausstellung in der Tate Gallery (1995). Seine Skulpturen und Installationen sind ein Beispiel persönlicher, autobiographischer Kunst, die an Kindheitserlebnisse anknüpft und eine private Mythologie aufbaut. Balka schafft asketische, geometrische Formen aus Holz, Metall oder Beton. Sie stehen in Bezug zum menschlichen Körper, zu seinen Proportionen, Temperatur und Druckspuren. Für die Installationen verwendet er untypische Stoffe: Schmierseife, Salz, Putzplatten. Die ruhige und sparsame Kunst Balkos findet dank der Anwendung der internationalen, modernen Sprachform auch außerhalb Polens großen Anklang.

Die 90er Jah re, die als "er ste De ka de der Fre ihe it" bez e ich net wer den, wa ren eine schwie ri ge Etap pe der ge sel l scha ftli chen Umwälzun gen, die auch die po lni sche Bevölke rung den mo der nen de mo kra ti schen Zi vi li sa tio nen an schließen sol l ten. Die Ze it der Umstruk tu rie rung hat sich auch in der Kul tur be merk bar ge macht, die na tio na le und ge sel l scha ftli che Iden tität mus ste neu de fi niert wer den. Die An twort auf all die se Fra ge stel lun gen brach te eine Wel le "kri ti scher Kunst", die neue Me dien, dra sti sche vi su elle Mit tel und die Spra che der Pro vo ka tion ein setz te, mit sich. Die Künstler grif fen al le bren nen den The men auf, wie AIDS oder Ras si smus und ver stießen ge gen we ite re, se xu el le, re li giöse und na tio na le Ta bus. Als größte Skan da li stin in der po lni schen Kunst wird Ka ta rzy na Ko zy ra (1963) die Pre isträgerin der Bien na le in Ve ne dig von 1999 für die Vi de oin stal la tion Schwitz bad. Ih re sich um Körper lich ke it, Kran khe it und Tod be we gen den Fo to gra fien, Fil me und In stal la tio nen in i tiier ten in Po len die Diskus sion über die Rech te des Künstlers und über die Gren zen der künstle ri schen Fre ihe it. Be im Di sput über das Le iden greift Ko zy ra, um einen sen si blen, ästhetischen Dia log mit der eu ropäischen Kul tur, mit der Ma le rei von In gres, Ma net und der Mu sik Stra vin skis au fzu neh men, auch auf Me dien zurück.

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Koji Kamoji: Schilfrohrboote, 1997; Zentrum der Gegenwartskunst, Ujazdowski-Schloss, Warschau

In der Vergangenheit erwies sich die polnische Kultur häufig auch für Ausländer als attraktiv. Viele von ihnen siedelten sich hier an und bereicherten die polnische Kultur mit ihren nationalen Traditionen. Dies betraf und betrifft weiterhin die nächsten Nachbarländer, es gibt aber auch "exotische" Beispiele. Der japanische Künstler Koji Kamoji (1935), der seit 40 Jahren in Warschau lebt, wird heute als polnischer Künstler ausgestellt und preisgekrönt. Er zählt zur mit Geometrie und Konstrukti vismus verbundenen Avantgarde. In die polnische Kunst brachte er eine spezifische Poetik, die voller elementarer Symbolik und Bezüge auf die Natur und den Geist des Orients ist. In seinen sparsamen Installa tio nen und Objekten aus Stein, Blech, Draht und anderen Baustoffen, arrangiert er interessante Installationen, die voller Asso zia tionen und innerer Spannungen stecken.

Zu den im Ausland am häufigsten ausgestellten Künstlern gehört Leon Tarasewicz (1957), Vertreter der Generation der "wilden Expression". Der gebürtige Weißrusse arbeitet und wohnt im abgelegenen Dorf Walily, im Nordosten Polens. Seine Gemälde balancieren an der Grenze zum Abstrakten, als Ausgangspunkt dient ihm jedoch immer die Natur und die heimatliche Landschaft der Ostgebiete: verschneite Wälder, riesengroße Findlinge, Vögel im Flug, Furchen frischgepflügter Felder. Die Gemälde von Tarasewicz sind eine neue, entdeckerische Synthese der polnischen Landschaft, obwohl sich der Künstler immer mehr der reinen Malerei zuwendet. Mit dicker Farbschicht bedeckt er Mauern, Säulen und Innenräume. Kompositionen farbiger Streifen auf Decken oder Wänden sind ein künstlerisches environnement: man kann ins Innere des Werkes hineingehen. Schrille, grell leuchtende Farben strahlen eine eigenartige Energie aus, auch diese Kunst ist eine schöpferische Weiterentwicklung der Ikone.

Polen ist ein Land mit katholischer Tradition, wo die christliche Ikonografie mit besonderer Pietät behandelt wird. Trotzdem gibt es hier viele Künstler, die religiöse Symbole auf verblüffende, vom traditionellen Kontext unabhängige Weise interpretieren. Mutige Behandlungsweise sakraler Themen muss nicht mit Gotteslästerung gleichgesetzt werden. In Polen ist diese provokative Haltung gesellschaftlich begründet, sie ist ein Versuch, den psychischen Komfort zu verletzen und die treuherzige, automatische Religiosität infrage zu stellen. Die Künstler demaskieren die Heuchelei und hinterfragen das Problem der Routine und der Stereotypen. Die Collage von Eugeniusz Get-Stankiewicz (1942), der Vorschlag der eigenhändigen Teilnahme am Kreuzigungsakt, zwingt zum Nachdenken über die tatsächlichen Konsequenzen des Glaubens und zeigt den wichtigsten Sinn des Christentums - die persönliche Verantwortung für die Annahme der im Evangelium enthaltenen Forderungen.

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Roman Opalka: Beschreibung der Welt 1965/1 -..., Detail 1-35327, 1965; Öl auf Leinen, Kunstmuseum, Lódz

Es gibt eine Kategorie "totaler Künstler", die ihr gesamtes Leben einer Idee unterordnen wollen und ihre eigene Existenz in work in progress umgestalten wollen. So ist es bei Roman Opalka (1931), dem im Ausland bekanntesten polnischen Künstler. Der einst erfolgreiche Grafiker, malt seit 1965 ausschließlich Malgründe fortlaufender Zahlen: konsequent mit Zifferreihen beschriebene, weißgraue Gemälde. Die desperate Idee, das ganze Leben dem Zählen zu widmen, erweckt Anerkennung, obwohl sie vielmehr an eine stoische philosophische Haltung als an künstlerische Ausdrucksweise erinnert. Die immer heller werdenden Bilder begleitet eine Tonaufzeichnung des Zählvorgangs und eine Fotografie des Gesichtes des Künstlers, was den unerbittlichen Ablauf der Zeit unterstreicht.


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