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Józef Pi³sudski (1867-1935)

Józef Pi³sudski wurde am 5. Dezember 1867 in ¯u³ów bei Vilnius geboren. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie mit Grundbesitz, in der polnische Traditionen und Patriotismus gepflegt wurden. Sein Vater, der ebenfalls Józef hieß, nahm 1863 am Januaraufstand teil, in dem die Polen nochmals versuchten, ihre Unabhängigkeit wiederzuerlangen, die sie durch die drei russisch-preußisch-österreichischen Teilungen 1772-1795 verloren hatten. Der junge Pi³sudski hatte nach dem Abschluss des Gymnasiums in Vilnius 1885, ein Medizinstudium an der Universität Charkow aufgenommen und war der dortigen sozial-revolutionären Bewegung "Narodnaja Wola" beigetreten. Wegen seiner Beteiligung an Studentenunruhen wurde er bereits nach einem Jahr von der Universität verwiesen. Er wollte an die Universität in Dorpat (Estland) wechseln, deren Direktor jedoch von seinen politischen Bestrebungen erfuhr und die Einschreibung verhinderte. Für seine Mitarbeit bei den Sozialisten von Vilnius wurde er am 22. März 1887 verhaftet und unter dem Vorwand seiner angeblichen Beteiligung an einer Verschwörung, die den Sturz des Zaren Aleksander II. zum Ziel hatte, für fünf Jahre nach Sibirien verbannt - zuerst nach Kirynsk an der Lena und später nach Tunka.

Im Jahre 1893 entstand in Warschau die Polnische Sozialistische Partei (PPS). Pi³sudski, der ein Jahr zuvor aus dem Exil zurückgekehrt war, trat der litauischen Abteilung der Partei bei und wurde 1894 Mitglied des "Zentralkomitees der Arbeiter" sowie Chefredakteur des PPS-Organs "Robotnik" (Der Arbeiter). 1900 wurde er als einer der Haupträdelsführer der Partei von den russischen Behörden erneut gefangengenommen und in der Warschauer Zitadelle inhaftiert. Weil er im Gefängnis einen Wahnsinnigen simuliert hatte, verlegte man ihn 1901 in ein Krankenhaus nach St. Petersburg, aus dem er mit Hilfe des Arztes W³adys³aw Mazurkiewicz flüchten konnte.
Nach seiner Rückkehr aus Galizien wurde er wieder politisch aktiv. 1904 ging er nach Japan, das gegen Russland kämpfte. Mit der Regierung von Mikado verhandelte er über die Bildung einer polnischen Legion in Japans Armee. Er bekam aber nur Unterstützung für den Kauf von Waffen und Munition für die PPS und die in ihrem Rahmen gegründete Kampforganisation. Diese war ein Hauptbestandteil der Revolution von 1905-1907. Trotz der Niederschlagung zahlreicher Unruhen und trotz Gefechten mit der Polizei unternahm Pi³sudski weitere Anstrengungen, um polnische Streitkräfte zu gründen. Als es 1906 zu einer Spaltung in der PPS kam, gründete eine mit Pi³sudski verbündete Gruppe die PPS-Revolutionsfraktion, die einen Aufstand gegen den Zaren plante.

Unter österreichischer Besatzung ist es 1910 gelungen, zwei legal tätige Organisationen zu gründen, die militärische Übungen und Vorträge über das Militärwesen organisierten: den Schützenverband (Zwi±zek Strzelecki) in Lwów und die Schützengesellschaft (Towarzystwo Strzeleckie) in Kraków. 1912 wurde Pi³sudski Hauptkommandant der Schützenverbände. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, stand er an der Spitze gut ausgebildeter Truppen, mit denen er in das Königreich Polen einmarschierte und das von den Russen verlassene, im Osten gelegene Grenzgebiet einnahm. Dann unterwarf er sich Österreich, gründete offiziell polnische Legionen und führte persönlich deren I. Brigade. Ferner rief er in der Konspiration die Polnische Militärorganisation (POW) ins Leben. Als sich 1917 die Legionen weigerten, den Treueschwur auf Österreich und Deutschland abzulegen, wurde Pi³sudski gefangengenommen - und dies, obwohl er ein Jahr früher die Kommandostelle aufgegeben hatte und als Mitglied des Vorläufigen Ständerates die Gründung einer Nationalregierung in Warschau forderte. Er wurde nach Magdeburg in ein Gefängnis gebracht, wo er bis November 1918 blieb.

Nach der Niederlage des Deutschen Reiches wurde er aus dem Gefängnis entlassen und ging nach Warschau, wo er das Oberkommando der polnischen Truppen sowie den Auftrag übernahm, im befreiten Land eine Nationalregierung zu bilden. Am 14. November 1918 wurden ihm die Regierungsgeschäfte übertragen. Und am 22. November konnte er offiziell die Funktion des Staatschef zu übernehmen, die er bis zum 9. Dezember 1922 inne hatte. An diesem Tag wurde der erste Präsident der Republik Polen, Gabriel Narutowicz, gewählt. Pi³sudski selbst konzentrierte sich auf die Verteidigung der von Polen wiedergewonnenen Unabhängigkeit. 1919-1921 führte er im Osten gegen die Bolschewiken Kämpfe, die mit dem Frieden in Riga endeten. Aufgrund eines Friedenvertrages bekam Polen Ostgalizien zurück. Im März 1920 wurde Pi³sudski von der Armee der Stab des Ersten Marschalls angeboten.

Im Jahre 1923 zog sich der Marschall aus der Politik zurück, nachdem rechte Formationen Präsident Narutowicz ermordet hatten. Nur eine Woche nach seiner Wahl wurde Narutowicz bei einer Ausstellungseröffnung in der Galerie "Zachêta" vom Maler Eligiusz Niewiadomski umgebracht.
Pi³sudski beurteilte die Zusammenarbeit mit dem Premierminister der Regierung, Wincenty Witos, sehr negativ und warf ihm vor, für diese Tat moralisch verantwortlich zu sein. Er zog sich nach Sulejówek bei Warschau zurück, wo er sich der Literatur und der oppositionellen Propaganda widmete. Dort sind folgende Werke entstanden: "Wspomnienia o Gabrjelu Narutowiczu" (Erinnerungen an Gabriel Narutowicz, 1923), "O warto¶ci ¿o³nierza Legjonów" (Über den Wert eines Legionssoldaten, 1923), "Rok 1920" (Das Jahr 1920, 1924), "U ¼róde³ niemocy Rzeczpospolitej" (Die Ursachen für die Schwäche der Republik Polen, 1924) und "Moje pierwsze boje" (Meine ersten Kämpfe, 1925).

Polen war in einem solchen Zustand, dass er sich erneut veranlasst sah, in die Politik zu gehen. Wegen sozialer Unruhen, wachsender Arbeitslosigkeit und der Wirtschaftskrise forderte Pi³sudski, der von der Bevölkerung sehr geachtet und unterstützt wurde, das Kabinett von Witos auf, sich aufzulösen und seine Macht niederzulegen. Da seine Appelle keine Wirkung zeigten, marschierte er am 12. Mai 1926 an der Spitze der ihm treu ergebenen Truppen in Warschau ein und zwang nach dreitägigem Kampf sowohl die Regierung als auch das Kabinett von Präsident Stanis³aw Wojciechowski zum Rücktritt. Aufgrund seiner mangelnden Qualifikation nahm er die Ernennung für das Amt des Präsidenten nicht an. Stattdessen wurde er Kriegsminister, Kriegsratsvorsitzender und Generalinspekteur der Streitkräfte. Ferner war er zweimal Premierminister (1926-1928 und 1930).

Im Grunde bedeutete dies das Ende der parlamentarischen Regierung in Polen und den Anfang der "Sanacja". Das Wort geht auf lateinisch sanatio (Heilung) zurück und bezeichnet die Zeit, in der die Regierungen die Lebensverhältnisse verbessern wollten. Durch eine geschickte Rhetorik gewann Pi³sudski das Volk für sich und konnte so eine autoritäre Macht ausüben, der weder der vom Marschall ernannte Präsident noch das Parlament (Sejm) etwas entgegenzusetzen hatten. Pi³sudski hatte die Befugnisse des Sejms am 2. August 1926 mit Verfassungsänderungen eingeschränkt.

In der Außenpolitik bemühte er sich um gute Beziehungen zur Sowjetunion und zu Deutschland, was in den Nichtangriffspakten von 1932 und 1934 seinen Ausdruck fand. Diese Verträge sollten Polens Position unter seinen Verbündeten und Nachbarn stärken.

Józef Pi³sudski ist am 12. Mai 1935 überraschend gestorben. Seine unheilbare Leberkrebserkrankung hatte er fast bis zum Ende verschwiegen. Eine riesige Volkskundgebung anlässlich seiner Beerdigung zeigte, wie man den Marschall verehrt hatte. Seine sterblichen Überreste wurden in der Leonard-Krypta der Kathedrale auf dem Krakauer Schloss beigesetzt, wo auch die Könige und größten polnischen Persönlichkeiten zur letzten Ruhe gebettet sind. Seinem Testament entsprechend wurde sein Herz in einer silbernen Urne in Vilnius im Grab seiner Mutter beigesetzt.


Wussten Sie schon...

...dass Józef Pi³sudski seine Parteikarriere einst mit einer Straßenbahnfahrt verglichen hat? Als ihn 1918 frühere Genossen aus der Sozialistischen Partei um politische Unterstützung baten, antwortete der Marschall: "Genossen! Ich bin mit der roten Straßenbahn bis zur Haltestelle ,Unabhängigkeit' gefahren und dort ausgestiegen. Fahrt ruhig bis zur Endhaltestelle, wenn es euch gelingt. Aber jetzt kehren wir wieder zum Sie zurück!"

 

 

 


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